„Ich will Unreal Tournament spielen!“ – von der Freiheit, das zu tun, was man will

Ein Tagebucheintrag.

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Liebes Tagebuch,

kennst du eigentlich noch das wütende Kind bei Youtube, das unbedingt UNREAL TOURNAMENT spielen wollte und schon beim Startversuch kläglich scheiterte? Ich weiß gar nicht mehr vor wie vielen Jahren das inbrünstige Rumgeschreie und Tastatur-Kaputthauen eigentlich noch lustig war, aber an irgendeinem Punkt der (zumindest gefühlten) Mittelsteinzeit des Internets haben noch einige Leute herzhaft darüber gelacht. Daran erinnere ich mich. Damals. Heute ist zumindest mir das Lachen vergangen. Vielleicht weil ich im Laufe meines Lebens festgestellt habe, dass dieses dicke, wütende Kind und ich gar nicht so verschieden sind.

Ich meine, wer kennt es nicht? Man will man gerade in Ruhe eine Runde Headshots verteilen, endlich den lang ersehnten Quest-Reward einsacken oder einfach nur die schöne Polygonlandschaft genießen, und plötzlich ruft der Chef an, der PC überhitzt oder Mama zieht den Stecker. Vielleicht kommt man auch gerade einfach ums Verrecken nicht weiter, nur eine weitere Nuance der Verzweiflung. Da kann man schonmal ausrasten. Und das unter Umständen sogar nicht vollkommen unberechtigt. Denn egal in welchem Alter oder in welcher Phase unseres Lebens wir uns gerade befinden, seien wir mal ehrlich, unsere Spielzeit haben wir uns verdient. Immer.
Das mag jetzt vielleicht mehr nach Luxusproblem oder infantiler Cholerik klingen, als eigentlich angebracht, denn Spielen ist, wie viele Menschen oftmals fälschlicherweise annehmen, keine bloße Nebensächlichkeit, sondern ein urmenschliches Bedürfnis. Das wird einem jeder gute Anthropo- oder Soziologe bestätigen können.
Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass da auch noch mehr dahinter steckt; etwas Unausgesprochenes. Hinter jedem angepissten Drittklässler, der in der Schule den Gameboy abgenommen bekommen hat, steht nämlich ein Mensch, der um ein Stück seiner Komfortzone ärmer geworden ist.
Klar haben Link, Mario und co. laut sinnigem Regelgefüge eigentlich nichts in der Schule zu suchen, man soll ja schließlich das lernen, was staatlich vorgegeben wird. Aber wenn wir einmal ehrlich sind, kann Schule auch oft genug die Hölle sein und wenn ein virtuelles Fenster die einzige Form der Flucht aus der schnöden Realität darstellt, dann erweitern Videospiele unser Dasein um einen weiteren wichtigen Wahlhorizont. Egal wann, egal wo. Konsolenklau als persönliche Freiheitsberaubung.
Es spielt im Grunde auch gar keine Rolle in welchem Regel-getriebenen Umfeld man sich gerade aufhält, Job, Schule, Uni, soziale Standardsituationen oder Besuch beim Einwohnermeldeamt – wir haben viel zu oft keinen Einfluss auf die Normen, denen wir uns zu unterwerfen haben, beim Spielen hingegen treffen wir eine aktive Entscheidung uns dem jeweiligen einprogrammierten Code hinzugeben, zu jeder Zeit und an jedem Ort. Und meiner Meinung nach ist es eine überaus beruhigende Tendenz zu wissen, dass selbst wenn ich meine Seminarprüfung verhaue, meine Beziehung den Bach runtergeht oder ich schlicht und einfach die kotzgrünen PVC-Bodenplatten meines Büros nicht mehr sehen kann, Hyrule, Lordran und das ein oder andere verstrahlte Wasteland mir jederzeit eine buntere, schönere oder aufregendere Alternative bieten werden. Die Rettung in der Not.
Doch eigentlich tun diese fiktiven Welten vielmehr, als mir nur ein anderes Setting als das meinige zur Verfügung zu stellen, ich habe schließlich nicht nur die Wahl, mich woanders aufzuhalten oder etwas anderes wahrzunehmen, sondern auch jemand anderes zu sein. Vielleicht habe ich heute Lust als Grabjägerin durch antike Tempel zu springen und einigen Dinosauriern so richtig die Fresse zu polieren, morgen bin ich aber lieber ein nymphomanisch veranlagter Hexer. Alles gar kein Problem. Zu guter Letzt kann ich natürlich auch immer noch wählen mich gesichts- und namenlos durch fremde Städte zu schweigen, einfach mal niemand sein ist befreiend auf seine ganz eigene Art.
Zu einem gewissen Grad reproduzieren Spiele jedoch natürlich auch die Normen der gesellschaftlichen Realität und unterwerfen uns diesen somit, man kann der uns umgebenden Welt in letzter Konsequenz auch durch das Spielen nicht vollständig entkommen, das ist nur logisch.
Ähnlich wie Filme und andere Medien sind Videospiele in den meisten Fällen ebenso Instrument und Produkt der massentauglichen Bespaßung und rekurrieren somit direkt auf die weltlichen und/oder gesellschaftlichen Probleme oder Tatbestände, denen man mitunter durch das Eintauchen in fremde Horizonte zu entkommen suchte. Trotzdem scheinen sie uns damit auch eine einzigartige Möglichkeit zu bieten mit tradierten Rollenbildern, Klischees und Andersartigkeit zu experimentieren und ebendiese durch ihre Interaktivität kritisch zu hinterfragen. Männlich oder weiblich, stark wie DUKE NUKEM oder auf den ersten Blick fragil wie Ellie in THE LAST OF US… es gibt kaum eine Facette der menschlichen Identität, die von der Industrie noch nicht ausgeschöpft wurde und auf diesem Wege ist uns die Chance gegeben in der Rolle eines anderen ein bisschen besser zu uns selbst zu finden, auch oder gerade wenn es sich um Stereotypen und vorgegebene Muster handelt.
Gemeinhin wird all dies als eskapistische Neigung betrachtet und in der öffentlichen Debatte eher negativ diskutiert, irgendwie ist ja auch schonmal jemand in Asien beim WOW-Zocken gestorben oder so. Stand zumindest mal so in der BILD. Also kann das Eintauchen in fremde Welten gar nicht so toll sein, wenn man darüber hinaus reale Pflichten vernachlässigt und sich lieber mental in seinen Avatar versetzt anstatt den eigenen Körper zu bemühen?
Der Freiheitscharakter von Spielen scheint jedenfalls mit dem Abbleben ihrer Optionalität ebenfalls dahingerafft, hört also dort auf, wo die Sucht anfängt.
Dennoch bleibt jedem die Gestaltung seines eigenen Lebens selbst überlassen und auch wenn der Mensch sich eskapistische Refugien seit Buch und Film immer wieder selbst geschaffen hat, so kann man sicherlich von einem gewissen psychologischen Bedürfnis nach dem gesunden Oszillieren von Realität und Fiktion sprechen. Tote WOW-Spieler stellen so eine faktische Möglichkeit aber gleichzeitig auch einen Grenzfall dar.
Darüber hinaus weisen Games eine Facette auf, die die Realitätsflucht von Buch und Film zumindest im Bezug auf ihre Handhabung und Gestaltung zu übersteigen scheint; ein sanftes Zurücklehnen und völliges Abschalten ist in den wenigsten Fällen durchführbar, durch ihren kompetitiven oder fordernden Charakter ziehen sie uns zwar vollkommen in ihren Bann, halten uns aber gleichsam aktiv und motiviert. Spielen an sich ist in seiner Grundform immer schon unterbewusstes Training und Lebensvorbereitung gewesen. Selbst im abstrakten Doppelleben als ausdrucksloser Tetrisblock geben uns Spiele somit die Freiheit wahrlich Mensch zu sein und das ist eine nicht zu unterschätzende Leistung.
Man sollte also gar kein schlechtes Gewissen haben, wenn man einmal pro Tag ein paar Stunden die Sorgen des Alltags hinter sich lässt und Gamepad oder Tastatur bemüht, im besten Fall kann man danach sogar den Aufgaben der Wirklichkeit gestärkt und besser equipped entgegentreten. Was nur noch eine weitere Art darstellt, wie das Videospiel als Medium der eigenen Selbstbestimmung und -verwirklichung dienlich gemacht werden kann. Wie immer heißt es: alles in Maßen, die goldene Mitte, et cetera, et cetera. Unter’m Strich schließe ich hier jetzt trotzdem; Eskapismushysterie my ass.

Ich werde also weiterhin zwischen UNREAL und Realität springen, wie ich gerade lustig bin. Die Freiheit nehm‘ ich mir. Danke wütendes Kind aus dem Internet für deinen schlagkräftigen Pathos. ~Wo ist der Escape-Knopf?

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2 Gedanken zu “„Ich will Unreal Tournament spielen!“ – von der Freiheit, das zu tun, was man will

  1. Wenn ich Leuten erzähle, dass Spiele für mich eben auch Eskapismus oder Realitätsflucht sind, werde ich häufig schräg beäugt: Man assoziiert diese Begriffe gern mit sozialen Problemen, mit exzentrischer Einsiedlerei oder schlimmstenfalls (selbst-)mörderischen Gedanken. Dabei ist es doch genau dieser Aspekt, den Menschen schon seit Jahrhunderten auch an nem guten Stück Literatur oder Musik schätzen: Die Möglichkeit, deinen stressigen, nervigen Alltag mit all seinen Problemen hinter dir zu lassen, um ein wenig in eine andere Welt abzutauchen.

    Als normalsterbliche Menschen können wir uns nunmal nur auf ein Leben mit einer Karriere, einer Familie und einem sozialen Umfeld konzentrieren. Da ist es doch ne feine Sache, wenn ich mal zwischendurch in eine andere Haut schlüpfen kann, in der ich mit Bären ringen, Leute verzaubern und auf ausgestopften Einhörnern Sex haben kann – und das ohne die negativen Konsequenzen der chronischen Rückenschmerzen oder magischen Geschlechtskrankheiten. Toller Artikel.

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