I GOT 99 PROBLEMS BUT A BOX AIN’T ONE

If you’re havin‘ next gen problems I feel bad for you son
I got 99 problems but a box ain’t one

Während der zyklische Krieg der Konsolen die Weltbevölkerung in drei prominente Lager spaltet und Sony- & Microsoft-Fans mit PC-Snobisten ein blutiges Battle um den Thron der Rechthaberei bestreiten, sitzt so manch selbsternannter Videospiel-Enthusiast ungerührt neben dem Schlachtfeld und schaukelt sich die Eier. Und ich schwöre beim langen Block von Tetris – hätte ich Eier, wäre ich genau einer dieser kuriosen Menschen. Der springende Punkt bleibt jedoch so oder so bestehen: Was ist passiert, dass mich die medial dominantesten Entwicklungen der Videospielindustrie einen feuchten Dreck interessieren? Schließlich erfolgte meine Gaming-Sozialisation mit Konsolen der genannten Hersteller. Bin ich im Laufe der Zeit ebenfalls zu einem dieser PC-Übermenschen mutiert? Vielleicht teilweise. Aber das allein kann es nicht sein, denn erstens ist mein PC eigentlich ’ne Schrottkiste und zweitens fühle ich mich auch hier nicht wirklich dazu verpflichtet, Partei zu ergreifen. An dieser Stelle sei betont – es ist definitiv nicht so, dass meine Begeisterung für Gaming im Allgemeinen verebbt ist. Ganz im Gegenteil. Es muss also mehr hinter der Sache stecken und dem möchte ich im Folgenden etwas genauer auf den Grund gehen.

Zugegeben, frühe Pressekonferenzen, wie die von Sony im Rahmen der PS4-Vorstellung, wurden von vielen Zuschauern (inklusive meiner Selbst) noch regelrecht zelebriert. Den Live-Stream verfolgen, sich per Chat mit anderen Menschen über das Gesehene austauschen…das sind immer wieder kleine Events. Doch bereits damals verfinsterte sich mein Blick in Anbetracht des Dargebotenen. Die bekannte Tendenz, „social networks“ und Gaming immer untrennbarer miteinander zu verknüpfen war mir der erste Dorn im Auge. Klar, sowas ist nicht unbedingt neu. Ähnliche Vernetzungen gibt’s auch schon länger bei Steam und da beschwert sich auch kein Schwein. Während man gewisse Aspekte auch hier kritisch betrachten sollte, so gestaltet Steam diese Dinge jedoch irgendwie anders, in einem gewissen Sinne unaufdringlicher, optionaler. Das diktiert mir jedenfalls meine Intuition. Auf jeden Fall sind die eher nervtötenden Features gerade noch in meinen Toleranzbereich. Im Kontext dieser Reflektion trat mir plötzlich klar zutage, warum ich konsolentechnisch derart desillusioniert war. PS4 und Xbox One sind weitaus mehr als herkömmliche Spielekonsolen. Sie werden seitens des Marketings zu regelrechten Medientempeln stilisiert und im Grunde sind sie das mittlerweile auch. Spiele sind nicht mehr genug. Filme, Musik, soziale Interaktion – der moderne Facebook-Bürger will offenbar alles. Alles zusammen. Aber warum?

Vermutlich ist es einfach der Geist der Zeit, eine unaufhaltsame Entwicklung, wenn man so will. Die demografische Zielgruppe ist auch längst nicht mehr der Gamer per se, sondern jeder medial erfahrene Mensch im konsumfähigen Alter. Insbesondere auch Familien, Familien sind bekanntlich immer gut. Natürlich wurde auch schon vor NES-Zeiten in einem familienfreundlichen Rahmen geworben, schließlich handelt es hier um Spielekonsolen und keine Kettensägen, doch die Massenvermarktung scheint heute einen deutlicheren Shift der Industrie mit sich zu bringen, gerade auch wegen der bestehenden technischen Neuerungen und Möglichkeiten.

Jedoch kommt es nun, dass sich an den Spielen an sich, abgesehen vom Look, merkwürdigerweise eigentlich gar nicht so viel verändert hat. Die Grafik wird durch die verbesserte Technik aufgepumpt, denn was schick aussieht, verkauft sich einfach besser. Thematisch und mechanisch entsprechen viele Titel jedoch immer noch demselben Einheitsbrei, den es in seiner Essenz auch schon vorher gab, mit ein paar Änderungen hier und da. Die Next-Gen-Evolution scheint sich demnach unter dem Leitspruch „style over substance“ zu vollziehen, das ist das Fatale, das ist die Crux. Das ist der Grund für meine fehlende Begeisterung und mein mangelndes Interesse. Da ist es mir dann auch egal, welche Firma die Feinheiten besser austariert, wenn grundsätzlich schon so vieles im Argen liegt. Ich will nicht verneinen, dass eine schöne Grafik attraktiv sein oder so manche Perle aus dem kapitalistischen Sumpf der Verderbtheit geboren werden kann, jedoch weiß ich genau, dass künstlerische Integrität und Anspruch nicht im Fokus dieser Entwicklung stehen. Diese werden zu gerne für den ganzen zerstreuenden Netflix-Facebook-ADHS-Zirkus und polierte Plastikoptik geopfert. „Geopfert“ trifft es sogar so gut, dass ich mich in Zukunft darum bemühen werde, die neuen Gaming-Kisten von Sony und MS primär als Opferaltare zu betrachten. Das Wörtchen „Medientempel“ war in diesem Zusammenhang offenbar doch nicht die passendste Anal-ogie.

Doch wie geht es nun weiter, was ist die Konsequenz? Ich für meinen Teil kaufe mir weiterhin meine Spiele auf GOG und Steam. Eventuell entstaube ich meine PS2, denn ganz ehrlich, selbst wenn ich wollte: Next Gen könnt‘ ich mir grad eh nicht leisten.

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6 Gedanken zu “I GOT 99 PROBLEMS BUT A BOX AIN’T ONE

  1. Als jemand, der sich die PS4 sehr früh vorbestellt hat und trotz den großen Elefanten im Raum (kaum bis gar keine interessanten Titel zum Launch, Kinderkrankheiten der Konsolen, Preis usw.) immer noch nicht auf den großen, roten Stornier-Button gehämmert hat, will ich (ein „Opfer“) ein paar Worte über deinen Beitrag verlieren.

    Ich hab deinen Beitrag einmal durchgelesen und es könnte sein, dass ich durch dein Fremdwörter Massaker dich hier und da missverstanden habe, aber fangen wir mal an.

    Technik ist Fortschritt
    Frag mal bei Valve nach. Hätten sie sich 2004 technisch auf dem gleichen Level,wie damals 1998 bewegt, hätten sie kein Half-Life 2 gemacht und nun stell dir mal eine Welt, ohne HL2 vor!
    Stärkere Engins und damit auch potentere Maschinen sind notwendig, um Ideen und Vorstellungen umsetzen zu können. Aktuelles Beispiel: Star Citizen. Da wird nichts mit Technik „aufgepumpt“, sondern die komplette Spielwelt aufgewertet. Atmosphäre ist hier auch ein weiteres Stichwort, welches ja für mich als Spieler (wie du ja weißt) sehr wichtig ist. Wie atmosphärisch wäre ein Metro 2033, ohne seinen ganzen Effektspielerein, oder ein Sleeping Dogs, ohne das lebensechte Hong Kong als Spielwelt? Den wohl schönsten Moment in GTA V hatte ich nicht durch die Story, sondern weil ich im Spiel nachts in einem Truck durch die Wüste gefahren bin, während es wie aus Eimern geschüttet hat und die Blitze am Himmel ihr Theaterstück vollführten. Dies konnte nur passieren, da die Technik dafür vorhanden war und neue Konsolen sind, genau wie neue Rechner, nur ein weiteres Puzzlestück für eine noch dichtere Spielwelt und zwar in allen Belangen.

    Vom Medientempel zum Opferaltar… oder auch nicht
    Wenn du von Microsoft redest, hast du da recht. MS bewirbt die Xbox One als Multimedia Maschine und das wohl auch aus gutem Grund. Sony fährt aber, was das betrifft, dann doch eine etwas andere Marketing Kampagne auf.
    Kennst du ihren Slogan für die PS4? „4ThePlayers“ heißt es dort und bis jetzt zeigt Sony sich in der Richtung ziemlich konsequent. So konsequent, dass man fast schon vergessen hat, dass die PS4 auch über eine Sprachsteuerung wie die One verfügt und man sogar Live-Streams bei Twitch & Co. hochladen kann. Dies steht nicht im Fokus der Konsole, weder vom Marketing, noch von der Hardware und einzig der bekannte Share-Button am Dual Shock 4 erinnert oberflächlich daran. Es sind optionale Spielereien, die Sony wohl durch den Wandel der Zeit einbauen musste. Quasi Mittel zum Zweck, aber sicherlich kein Zwangsbesuch im Netflix-Facebook-ADHS-Zirkus.

    Die restlichen Punkte kann man wohl für sich so stehen lassen, aber ich will jetzt eh weiter Risk of Rain spielen, während ich mich auf meine PS4 mit Killzone: Shadow Fall, Battlefield 4 und Call of Duty: Ghost freue. Genau, dass nennt man ein Achse des Bösen Bundle.

    Und zu Schluss ein kultiges und umgeschriebendes Zitat:
    „This is my console
    There are many like it
    But this one is mine
    My console is my best friend
    It is my life
    Without me, my console is nothing
    Without my console, i am nothing“
    – Gunnery Sergeant Hartman (Fullmetal Jacket)

    • Hey, vielen Dank für das ausführliche Feedback! Ich glaube jedoch, du hast mich da an vielen Stellen tatsächlich nicht so recht verstanden. Mein Text richtet sich nicht gegen technischen Fortschritt oder fette Engines (mit denen man natürlich auch ziemlich nette Sachen anstellen kann), meine Kritik setzt vielmehr dort an, mit welcher Intention man Technik und neue Entwicklungen in diesem Kontext nutzt. Und da sehe ich bei beiden Konsolen grundsätzlich eher oberflächliches Bauerntheater statt ehrlicher Innovation.

      • Was wäre denn in deinen Augen eine ehrliche Innovation in dem Bereich?

        Nehmen wir mal zwei Beispiele, von denen ich mir Innovationen verspreche. Quantrum Break von Remedy und The Order 1886 von Ready At Dawn. Beides sind Titel, die mehr oder minder neue Technik in die Generation bringen.
        Quantrum Break soll stark auf Digital Molecular Matter setzen, was dafür sorgt, dass Material realitisch reagiert.
        Holz splittert bei Beschuss, Metall biegt sich bei Krafteinwirkung oder Hitze, Wasser wird verdängt usw. Das gab es schon in anderen Spielen (The Force Unleashed), hier wird es aber nun endlich vollständig berechnet und Quantrum Break soll ja wohl auch Gameplay-technisch davon profitieren.
        The Order 1886 hingegen berechnet neben Digital Molecular Matter und der ständigen Krümmung einer digitalen Linse (der Filmlook soll hier so stark wie noch nie werden) auch das Verhalten von Kleidung. Soft Body Physics nennt man das und soll dafür sorgen, dass man keine steifen Kleider mehr an Charakteren sieht.
        Eine schwere Ritterrüstung würde sich damit wirklich anfühlen, wie eine Rüstung. Gewicht, Bewegung, Klang, einfach alles. (Hallo Skyrim)
        Ob dies nun wirklich so tiefgreifend ins Gameplay geht, bleibt natürlich abzuwarten, aber das Potenzial ist vorhanden. Mehr als in den letzten Generationen.

    • Dennoch beleuchtest du nur eine Seite der Geschichte. Natürlich ist das Gameplay wichtig. Aber das realistische physics gleichbedeutend mit gutem Gameplay sind, ist nicht gesagt. Was mir als Spieler aber ganz besonders wichtig ist, ist die Spielatmosphäre und die Art und Weise der Narration. Wenn ich jemandem zutraue eine dichte und packende Atmosphäre zu schaffen, dann ist das Remedy. Aber wenn Remedy ein packendes Spiel entwickelt, dann liegt der Ursprung nicht in mega geilen physics. Natürlich können die dazu beitragen etwas besser und dichter wirken zu lassen. Aber sind wir doch mal ganz ehrlich: Ein Max Payne funktioniert auch ohne solche Physics. Wohingegen ein Max Payne mir überharten Effekten, dafür aber ohne Noire-Einflüsse, der Art der Narration, ohne Fernsehsendungen, die man sich zwischendurch ansehen kann und ohne den Charakter des Max überhaupt nicht funkionieren würde. Durch die neuen Engines könnte es zwar möglich werden zum Beispiel den Aspekt der anschaubaren Fernsehsendungen noch viel stärker auszubauen, wenn man einer solchen Welt einfach viel mehr Dynamik, Weitläufigkeit oder Eigenständigkeit geben kann. Der Rest ist unabhängig von den derzeit angepriesenen Innovationen.

      Bestes aktuelles Beispiel ist in diesem Fall wohl „Deadly Premenition“, wobei ich hier leider noch mit ungespieltem Halbwissen reden muss. Aber wenn du DP etwas absprechen kannst, dann ist das ein gutes Gameplay. Aber dennoch entfaltet es seine Wirkung und ist (den Kritiken, die über eben jene Schwächen hinwegsehen, glauben zu schenken) ein unglaublich atmosphärisches und geniales Spiel.

      Als erstes kommen meiner Meinung diese Punkte und dann kann man sich um die technische Umsetzung Gedanken machen. Dass diese Kette zurzeit genau umgedreht angewendet wird ist hier doch der Umstand, den wir bemängeln. Ich persönlich verschließe mich dem Fortschritt nicht. Allerdings ist Fortschritt des Fortschrittswillen Kackmist.

      Es gibt überall immer wieder Perlen, die man sich herauspicken kann und die das versprechen, was man sich erhofft. Diese Perlen müssen es allerdings erst schaffen durch den „kapitalistischen Sumpf der Verderbtheit“ durchzuwaten, sich von den darin herumdümpelnden Narrationsleichen fernzuhalten, sich der intrigierenden selbstsüchtigen Stimme des Publisher-Gollums zu erwähren um somit letztendlich vielleicht einen neuen Ring ins Feuer schmeißen zu können. Ein langer und beschwerlicher Weg.

      Solange bleibe ich bei den Spielen, die eben dies in der Vergangenheit geschafft haben. Und davon gibt es beileibe noch genug.

      • Natürlich beleuchte ich nur eine Seite der Geschichte, da ich auf Lea geantwortet habe.
        „Meine Kritik setzt vielmehr dort an, mit welcher Intention man Technik und neue Entwicklungen in diesem Kontext nutzt.“
        Sie sprach von Technik und ich sprach von Technik.
        Das Technik und die Narration einer Geschichte absolut zwei verschiedene Paar Schuhe sind, sollten klar sein.
        Passt aber der eine Schuh nicht, läuft man nicht gut und auch dein Beispiel Max Payne wurde damals neben seiner Story auch wegen seiner Technik gelobt. Stichwort: Bullettime.
        Kugeln, Einschusslöcher, unzählige Körper und Patronenhülsen die zu Boden gehen und das alles in Zeitlupe. Dazu noch die Levels, die durch wahnsinnig vielen Details und einer realistischen Optik punkteten.
        Nicht ohne gutem Grund wurde das Spiel später auch noch als Benchmark für damalige Grafikkarten genutzt.
        Wäre das gesamte Spiel ohne diesen ganzen Spielereien so viel schlechter? Sicherlich nicht, aber es wäre auch nicht das Gleiche gewesen. Max Payne hat aber nun mal diese zwei passenden Schuhe gekriegt und sie stehen ihm.
        Ein aktuelles Beispiel in der Richtung ist in meinen Augen Metro: The Last Light. Spannend geschrieben, sehr gutes Gameplay und auch auf der technischen Seite brilliant.

        Natürlich kann ein Spiel auch ohne tolle Optik oder Technik glänzen. Darüber müssen wir nicht diskutieren und dies war auch nie meine Intention.
        Meine Intention war es in erster Linie, meine Meinung gegen die von Lea zu stellen. Pro gegen Kontra. Nicht um sie davon zu überzeugen, aber einfach um meine Gedanken zu dem Thema zu äußern, da ich denke, dass ihr Beitrag auch ein ehrlichen Kommentar verdient hat.

        Wir leben in guten Zeiten für Videospiele und dies sollte man sich nicht durch den hundersten Aufguss einer einfallslosen Serie, überteuerten Season Passes oder irgendwelchem Facebook-Shit vermiesen.
        Und Perlen mussten schon immer erstmal gefunden werden, egal ob 1996 oder 2013 und darin liegt dann doch auch irgendwie der Reiz.

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